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Wie umgehen mit dem Übersehen werden?

28. Oktober 2025
Sabine Heigl-Kazianka

Meine persönliche Erfahrung mit Betriebsübergabe.

Seit vielen Jahren begleite ich Unternehmerinnen und Unternehmer in rechtlichen und betriebswirtschaftlichen Fragen, insbesondere rund um das Thema Betriebsübergabe. In dieser Zeit und ganz besonders während meiner Tätigkeit als Juristin in der Wirtschaftskammer, habe ich viele Übergabeprozesse gesehen, begleitet und analysiert. Und immer wieder fiel mir dasselbe auf: Die meisten Übergaben scheitern nicht an rechtlichen Stolpersteinen oder wirtschaftlichen Fehlkalkulationen. Sie scheitern an etwas viel Komplexerem, am Menschlichen.

Während Verträge, Zahlen und Steuerfragen klar geregelt werden können, bleiben die emotionalen Themen oft unausgesprochen. Wer darf was entscheiden? Wer fühlt sich gesehen? Welche Rolle spielt Anerkennung, Vertrauen oder schlicht das Gefühl, dazuzugehören? Diese Fragen werden häufig übergangen, aus Angst vor Konflikten. Doch gerade das Schweigen schafft sie.

Ich habe diese Dynamik nicht nur beruflich erlebt, sondern auch persönlich, als es auch in unserem Familienunternehmen um die Nachfolge ging.

Mein Vater und mein Bruder hatten alles sorgfältig geplant. Sie wollten eine Lösung, die den Betrieb sichert und keinen Streit im Unternehmen entstehen lässt. Ich wurde erst informiert, als die Entscheidung bereits gefallen war und formal alles abgewickelt war. Für meinen Vater war das eine pragmatische, friedenssichernde Lösung – aus seiner Sicht nachvollziehbar.
Was er dabei jedoch nicht sah: Dass der Konflikt zwar aus dem Unternehmen, aber in die Familie verlagert wurde.

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Wie umgehen mit dem Übergangen werden?

Für mich war diese Zeit herausfordernd. Ich fühlte mich nicht gesehen, weder als Mensch noch als Fachfrau. Dabei bringe ich als Juristin und Betriebswirtin jene Kompetenzen mit, die in einem Übergabeprozess als auch in einer Unternehmensführung gefragt sind. Dennoch wurde mir vermittelt, ich hätte nicht die „richtige“ Kompetenz. Auch mein Frausein spielte dabei unausgesprochen, aber spürbar, eine Rolle.

Mit der Zeit habe ich verstanden: Es geht in solchen Momenten nicht um abschließende Gerechtigkeit, sondern um Wertschätzung. Darum, dass alle, die Teil eines Systems sind, egal ob Familie oder Unternehmen, das Gefühl haben dürfen, gesehen und gehört zu werden.
In Übergabeprozessen werden Emotionen oft als störend empfunden. Doch gerade sie zeigen, was wirklich auf dem Spiel steht: Zugehörigkeit, Vertrauen, Liebe, Anerkennung.
In mir meldete sich damals auch das verletzte innere Kind, das Kind, das nur dazugehören wollte, das traurig und vielleicht auch ein bisschen neidisch war.

Neid, den man sich kaum eingestehen darf, weil er als „unreif“ gilt. Doch dieser Neid ist oft nichts anderes als ein Schmerz darüber, übergangen zu werden. Und Eltern, die es „richtig“ machen wollen, verstehen solche Emotionen oft nicht. Sie deuten sie als Schwäche, als Beweis von Unfähigkeit oder mangelnder Reife und bestätigen damit genau das Gefühl des „Nicht gesehen werdens“, das ohnehin schon da ist.

Besonders schwierig wird es dann, wenn Geschwister unterschiedlich behandelt werden – und einer die Rolle des „Auserwählten“ einnimmt. Wenn dieser Bruder oder diese Schwester beginnt, sich als alleinige treibende Kraft zu sehen, und die Eltern das stillschweigend hinnehmen mit dem Satz: „Er/Sie ist halt so.“ Solche Haltungen tun weh, weil sie das, was ohnehin schon empfindlich ist, nämlich die Würde, die Zugehörigkeit und die Wertschätzung noch mehr erschüttern. Doch zeigen sie auch, wie sehr auch die Eltern in ihrem eigenen Konflikt gefangen sind: zwischen Stolz, Loyalität und der Angst, etwas falsch zu machen.

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Vieles habe ich durch Arbeit an mir selbst aufgearbeitet:

Selbstreflexion, Aufstellungsarbeit, Familien- und Organisationsaufstellungen haben mir geholfen, mit allen Beteiligten wieder in ein gutes Verhältnis zu kommen – um sich wieder begegnen zu können. Mir war/ist meine Familie und die Verbindung sehr wichtig. Und dennoch gibt es immer wieder Momente, in denen alte Muster und Dynamiken triggern.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Wachstum, Heilung und Wertschätzung ein fortlaufender Prozess ist. Ein Prozess, der Geduld, Mut und Bewusstsein erfordert und bei dem Kommunikation, Transparenz im Mittelpunkt stehen sollen, begleitet und moderiert von Außen.

Eine Betriebsübergabe ist weit mehr als ein rechtlicher Akt. Sie ist ein emotionaler Übergang, ein Loslassen und Annehmen, das alle Beteiligten betrifft. Ein externer, neutraler Blick kann helfen, unausgesprochene Themen ans Licht zu bringen und allen Beteiligten Raum zu geben, nicht nur jenen, die formell am Steuer sitzen.

Heute setze ich mich genau dafür ein: Dass Nachfolgeprozesse nicht nur formal richtig, sondern auch menschlich gelungen sind. Denn eine gelungene Übergabe bedeutet nicht nur, dass das Unternehmen weiterläuft – sondern auch, dass die Familie es gemeinsam trägt.